Wildnisbewohnerin des Monats September

24. August 2018, Pia Ditscher - Frankfurt

Die goldgelben Farbtupfer der Stadtwildnis

Von Indra Starke-Ottich

In dieser Jahreszeit sieht man sie fast überall: die Kanadische Goldrute. Sie findet sich in Blumensträußen, vor allem aber auf Brachflächen und an vielen Stellen in unseren Wildnis-Gebieten. Wie der Name schon sagt, stammt sie aus Nord-Amerika. Wegen der attraktiven gelben Blüten wurde sie bereits Mitte des 17. Jahrhunderts als Zierpflanze eingeführt. Aber erst rund 200 Jahre später gibt es erste Hinweise darauf, dass die Art verwildert ist, sich also selbst ausgesät hat und außerhalb der vom Menschen kultivierten Flächen vorgekommen ist. In Frankfurt ist die erste wildwachsende Kanadische Goldrute 1910 dokumentiert worden. Aber erst, als in den 1970er Jahren viele Gärten aufgegeben wurden, weil die Menschen von nun an Lebensmittel lieber kauften als selbst angebauten, konnte ihr „Siegeszug“ durch Deutschland so richtig losgehen: Die Art wächst nämlich am liebsten in aufgegebenen Gärten oder auf nicht mehr bewirtschafteten Äckern. Dort kann sie dichte Bestände bilden, die nicht jeder gerne sieht. Denn wenn sie in sensible Ökosysteme wie Magerrasen eindringt, kann sie andere Arten verdrängen. Imker, und noch viel mehr ihre Bienen, freuen sich jedoch an der Kanadischen Goldrute, weil sie sehr spät im Jahr blüht, wenn die Blütezeit der meisten einheimischen Arten bereits vorbei ist.

Egal, ob man die Art mag oder nicht, sie ist heute ein fester Bestandteil der deutschen Flora. Sie kommt fast im ganzen Bundesgebiet vor und gehört in Städten häufig zu den am weitesten verbreiteten Pflanzen. Kein Wunder, denn jeder Blütentrieb produziert Tausende kleiner, flugfähiger Samen, die der Wind in jeden Winkel des Landes bringen kann.

In den Wildnis-Gebieten sorgt die Kanadische Goldrute nun für hübsche, goldgelbe Farbtupfer. An denen erfreut sich nicht nur das menschliche Auge, sondern auch Bienen und andere Insekten. Und dass das ein positiver Aspekt ist zumindest darüber sollten sich alle einig sein ;).


Unser Team stellt sich vor

24. August 2018, Pia Ditscher - Hannover

Was ist eigentlich die "Sozialwissenschaftliche Projektbegleitung"?


Dominique Charlotte Breier, Leibniz Universität Hannover, ist für die sozialwissenschaftliche Begleitung unseres Projektes verantwortlich. 


Dominique – erklär uns doch bitte kurz, wofür du bei „Städte wagen Wildnis“ zuständig bist.

„In unserem Projekt ist es nicht nur wichtig, die ökologischen Veränderungen, die städtische Wildnis mit sich bringt zu erforschen. Uns interessiert auch, wie es um die Bewertungen, Einstellungen und Nutzungen der Projektflächen durch Nutzer und Anwohner steht. Darin liegt dann auch mein Aufgabenbereich: Ich bin zuständig für die sozialwissenschaftliche Evaluation, in der prozessbegleitend alle zwei Jahre quantitativ ausgerichtete Befragungen von Nutzern und Anwohnern ausgewählter Projektflächen durchgeführt werden.“

 

Was genau bedeutet in diesem Fall „quantitativ“?

Quantitativ bedeutet im klassischen Sinne etwas mithilfe von Zahlen (numerisch) zu messen, in diesem Falle Wahrnehmungen, Einstellungen und Nutzungen der Wildnis-Projektflächen. Diese können wiederum dazu genutzt werden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufinden, z.B. zwischen den jeweiligen Projektflächen und Städten oder verschiedenen Nutzergruppen. Quantitative Methoden gehören damit neben qualitativen Verfahren zu den zwei Bereichen der empirischen Sozialforschung. Sie sind ein wichtiges Instrument, um insbesonders große Mengen an Personen in kurzer Zeit befragen zu können. Im Gegensatz dazu sind qualitative Methoden offene Forschungswerkzeuge, die nicht vorher festgelegte Antwortmöglichkeiten benutzen. Beispielsweise in leitfadengestützten Interviews können Interviewpartner offen und individuell auf Fragen reagieren.

In der Praxis sind sowohl quantitative als auch qualitative Verfahren anzutreffen. Während soziale Phänomene, die bisher wenig erforscht wurden, meist zunächst mithilfe qualitativer Verfahren (an einer kleinen Menge von Personen) untersucht werden, bieten quantitative Verfahren die Möglichkeit, die daraus gewonnen Erkenntnisse durch groß angelegte Befragungen zu überprüfen.

 

Worum geht es in diesen Befragungen und wofür sind sie gut?

Die Befragungen übernehmen eine wichtige Kontrollfunktion: Wie bewerten die Nutzer und Anwohner die städtische Wildnis, wie nutzen sie die Flächen, was verbinden sie mit Wildnis und was wünschen sie sich? Die regelmäßige Wiederholung der Befragungen, die eine sogenannte Längsschnittstudie auszeichnet, kann Aufschluss darüber geben, wie sich Einstellungen und Nutzungen im Verlauf des Projekts verändern und wir können wichtige daraus gewonnene Erkenntnisse an die städtischen Partner des Vorhabens weitergeben.
Von den Ergebnissen profitieren folglich alle: Die städtischen Partner können daraus gegebenenfalls neue Maßnahmen ableiten, die wiederum den Nutzern und Anwohnern zugutekommen und außerdem einen zukünftigen Einklang zwischen städtischer Wildnis und sozialer Nutzung sicherstellen.“

 

Wie laufen die Befragungen auf den Flächen ab? Wird einfach jeder gefragt, der vorbeikommt?

„Die ersten Befragungen habe ich zusammen mit einigen Mitarbeitern in den Sommermonaten 2017 in allen am Projekt beteiligten Städten durchgeführt. Nutzer wurden direkt auf den Flächen mithilfe von Tablet PCs und einer Onlinebefragungssoftware per Face-to-Face Interview befragt, Anwohner in einem Radius von fünfhundert Metern um die jeweiligen Flächen herum per Briefkasteneinwurf zur Teilnahme an einer Online-Befragung aufgefordert. Alle Nutzer und Anwohner zu befragen, wäre ziemlich schwierig – deshalb mussten wir eine Auswahl treffen. In der quantitativen empirischen Sozialforschung funktioniert das mittels einer sogenannten „Stichprobe“ – in unserem Fall eine „einfache Stichprobe“: In zuvor festgelegten Zeiträumen wurde jede dritte Person auf den Flächen angesprochen und befragt. Ziel war es, mindestens 50 Personen je Fläche zu erreichen.“

 

Und was habt ihr herausgefunden?

„Zu viel darf ich noch nicht verraten. Die Ergebnisse werden aber zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir jetzt am Anfang des Projekts schon viele positive Stimmen zu städtischer Wildnis feststellen konnten, obwohl das Projekt „Städte wagen Wildnis“ an sich unter den Befragten bisher noch sehr unbekannt ist. Die einzelnen Projektflächen mit ihrer individuellen Lage im städtischen Raum und sehr unterschiedlichen Qualitäten spiegeln sich zudem auch im Nutzerverhalten und unterschiedlichen Zielgruppen sowie Einstellungen zu Wildnis wieder. Daraus können wir auch viel für unsere zukünftige Arbeit im Projekt mitnehmen.“

 

Es sind ja sicherlich nicht alle Leute bereit, an einer Befragung mitzumachen. Welche Reaktion ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

„Aus meiner beruflichen Erfahrung bin ich es bereits gewohnt, dass nicht alle Personen an einer Befragung teilnehmen wollen. Heute gibt es ja zu allen Themen Befragungen, egal ob zu meiner Kundenzufriedenheit, politischen Meinungen oder Mobilität. Glücklicherweise konnten wir aber die ganz große Mehrheit der Personen für die Teilnahme an den Befragungen gewinnen. Ich erinnere mich selbst meist an die schönen Situationen bei Befragungen, vor allem, wenn ich Personen begegnet bin, denen Umweltschutz sehr am Herzen liegt. Wenn sie dann zufällig bei der Befragung das erste Mal von unserem Projekt gehört haben und sofort Feuer und Flamme dafür waren, hat mich das besonders gefreut.“

 

Was war das „Wildeste“, das du bisher in deinem Job erlebt hast?

„Da muss ich mal nachdenken. Wild ging es auf jeden Fall in unserer ersten Befragungsrunde zu, als wir zu Beginn einige technische Hürden überwinden mussten. Der wildeste Moment war für mich wahrscheinlich der erste Besuch des Nordparks in Frankfurt-Bonames. Gefühlte 15 Minuten vom Stadtzentrum Frankfurts mit all den Hochhäusern und Glasfassaden entfernt, taucht man dort auf einer bereits „verwilderten“ Fläche ganz plötzlich in eine ganz andere Welt ein. Auf mich wirkte es wie ein verwunschener Ort, mit wild wachsenden Bäumen, Sträuchern und einem kleinen Seitenkanal der Nidda, die am Nordpark entlang fließt. Für mich hat dieser Ort etwas unheimlich Schönes und Beruhigendes.“

Was wünschst du dem Projekt für die kommenden Jahre?

„Ich wünsche mir, dass wir mit unserem Projekt einen wichtigen Beitrag zu mehr biologischer Vielfalt leisten und damit als Impuls für viele andere Städte und Gemeinden in Deutschland und international dienen können. Außerdem wünsche ich mir, dass mehr Menschen durch unsere Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit ein größeres Bewusstsein für die Wichtigkeit von wilden Grünflächen und Umweltschutz bekommen. Gerade die Zusammenhänge zwischen unserem Handeln und den Auswirkungen auf Umwelt und Klima sind immer noch viel zu wenigen Menschen bewusst.“

Vielen Dank für die Einblicke! Wir wünschen dir weiterhin viel Spaß am Projekt und viel Erfolg mit deiner Arbeit! 


Ökosystemdienstleistungen / Was die "Wildnis" in der Stadt für uns tun kann

24. August 2018, Pia Ditscher - Frankfurt

Sport in der Natur

Von Christiane Frosch & Pia Ditscher

Im August hat Frankfurt ein wildes Sportfest gefeiert: Am Rande unserer Projektfläche im Nordpark Bonames stand einen Tag lang die Verbindung zwischen Sport, Natur im Allgemeinen und Wildnis im Speziellen im Fokus. Aber was genau wir uns dabei gedacht haben und warum ist die Verbindung aus Sport und Wildnis eine ganz besondere?

Sport macht Spaß und fördert die Gesundheit.
Stadtnatur fördert gute Lebensbedingungen, verbessert das Stadtklima, fördert den Klimaschutz, trägt zu sauberer Luft bei, mindert Lärm und sichert Böden und Gewässer. Aber auch sie fördert die Gesundheit und hat heilsame psychische und physische Wirkungen auf den Menschen. Es ist nachgewiesen, dass Aufenthalte oder auch nur die Blickmöglichkeit in die Natur zu einer höheren Konzentration und Leistungsfähigkeit führen können.

Verbindet man nun beide Elemente, erhält man einen doppelt positiven Effekt: Durch Sport in der Natur. Psychischer Stress sinkt und damit auch Aggressionen und Erkrankungen. Das zeigt zum Beispiel eine Studie, in der Probanden auf dem Laufband verschiedene städtische und ländliche Szenen als Wandprojektion vorgespielt wurden, wodurch man generell eine positive Auswirkung auf Blutdruck, Selbstwertgefühl und Stimmung festgestellt hat. Sowohl die ländlichen als auch die städtischen angenehmen Szenen erzeugten einen signifikant größeren positiven Effekt auf das Selbstwertgefühl.

Dass Sport im Grünen einen positiven Effekt hat, ist nun klar! Aber Stadtnatur und Grünflächen wie unsere Wildnisflächen können noch viel mehr, denn oftmals geben sie Anwohnern erst den Impuls raus zu gehen, sich zu bewegen und Wege lieber zu Fuß oder per Rad anstatt mit Auto, Bus oder Bahn zurück zu legen. In zahlreichen Studien wurde erforscht, inwieweit städtische Grünräume zur körperlichen Aktivität anregen. Eine Studie in Bristol zeigte zum Beispiel, dass Personen, die in der Nähe von Grünanlagen wohnen, diese häufiger nutzen und gleichzeitig weniger zu Übergewicht neigen. Auch wenn einzelne Studien mit Vorsicht zu genießen sind, da Zusammenhänge aufgrund vieler komplexer Faktoren schnell voreilig getroffen werden können, ist von einem insgesamt positiven Effekt auszugehen.

Aber was hat das nun mit unserem Wildnisprojekt zu tun?
Wer gerne Sport in der Natur macht, profitiert auch von den neuartigen Eindrücken und der Ruhe, die verwildernde Flächen bieten. Die Ökosystemdienstleistungen der Natur, die kostenlos nutzbar sind, werden so um eine Dimension erweitert. Gleichzeitig wird beim Natursport das enge Verhältnis zwischen Mensch und Natur deutlich: Denn auch hier ist der Mensch, wie in so vielen anderen Lebensbereichen, auf eine intakte Natur und vielfältige Landschaft angewiesen. Abwechslungsreiche Naturerfahrungen verstärken die positiven Wirkungen von Sport und Bewegung.
Somit kann Sport in der (wilden) Natur einen Beitrag leisten, die Sinne zu schärfen für das, was die Natur uns bietet. Gleichzeitig kann so auch die Wertschätzung gesteigert und ein sensibler Umgang mit der Natur gefördert werden – denn wer ein Eigeninteresse an Bewegung im Grünen hat, möchte auch die passenden Gegebenheiten dafür finden. Und das geht nur dann, wenn das eigene Verhalten naturverträglich oder im besten Falle naturförderlich gestaltet wird.

Und, wenn man jetzt von all dem einmal absieht: Es macht einfach Spaß, draußen zu sporteln ;).

Weiterführende Literatur:

Coombes E., Jones A.P., Hillsdon M. (2010) The relationship of physical activity and overweight to objectively measured green space accessibility and use. Social  Science &  Medicine, 70(6):816–22.

De Vries S., Verheij R. A., Groenewegen P. P., Spreeuwenberg P. (2003). Natural environments—healthy environments? An exploratory analysis of the relationship between greenspace and health. Environment and planning A, 35(10):1717-1731.

Kowarik I., Bartz R., Brenck M. (Hg.) (2016) Ökosystemleistungen in der Stadt. Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen. Naturkapital –TEEB DE

Lee A.C.K., Maheswaran R.(2011) The health benefits of urban green spaces: a review of the evidence. Journal of Public Health, 33(2):212–222.

Pretty J., Peacock J, Sellens M., Griffin M. (2005) The mental and physical health outcomes of green exercise. International Journal of Environmental Health Research, 15(5): 319-337.



Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.