Der, der seinen Namen singt

18. April 2019, admin - Hannover

Wenn man es „Zilp-Zalp-Zilp-Zalp“ von den Bäumen rufen hört, stellt sich hier ein kleiner, brauner Vogel mit hellgelber Brustfärbung vor: Der Zilp-Zalp ist ein häufiger Brutvogel, der oft in gut strukturierten und waldähnlichen Bereichen wie Parkanlagen zu finden ist. Aber auch in der Stadtwildnis fühlt er sich wohl! Ab März singt er seinen Namen von hohen Bäumen, ab der zweiten Aprilhälfte findet man ihn allerdings zum Brüten am Boden. Hierfür braucht er eine ausgeprägte Strauch- und Krautschicht, wie sie verwilderte Flächen gerne bieten. Auf dem Speiseplan des kleinen Vogels stehen vor allem Insekten: Blattläuse, Insektenlarven und Ameisen frisst er besonders gerne.        
Zum Überwintern zieht der Zilp-Zalp in den Mittelmeerraum, an den Persischen Golf oder in die südliche Sahara, bevor er uns im Frühjahr wieder mitteilt, dass er zwar unscheinbar ist – aber man deshalb doch bitte trotzdem seinen Namen kennen sollte. Im englischen wird sein Gesang übrigens mit „Chiff-Chaff“ übersetzt – und das ist auch der englische Name des Zilp-Zalps.

Wer jetzt gerne einmal hören möchte, wie der Zilp-Zalp unermüdlich seinen Namen ruft, kann das hier tun: https://www.deutsche-vogelstimmen.de/zilpzalp/


Der Hitzesommer 2018 und seine Folgen für die Stadtwildnis

18. April 2019, admin - Hannover, Frankfurt, Dessau-Roßlau

Vielen hat der Sommer ohne Regen gut gefallen, ohne großes Risiko konnte man sich im Biergarten, in der Eisdiele oder im Open-Air-Kino verabreden – schlechtes Wetter schien es einfach nicht mehr zu geben. Für Gärtner und Landwirte und natürlich für wildlebende Tiere und Pflanzen war der Sommer 2018 aber eine große Herausforderung. Auf den Städte wagen Wildnis-Projektflächen konnte man die Folgen der Trockenheit unterschiedlich stark spüren.

Frankfurt

Die jungen Brachflächen am Fuße des Monte Scherbelino waren besonders stark betroffen. Viele Pflanzen blieben kleiner und blühten früher als sonst, im Spätsommer waren viele bereits abgestorben. Dies wirkte sich auch auf verschiedene Tiere aus, zum Beispiel hatten Schmetterlinge und Wildbienen Mühe Nahrung zu finden.

Aber nicht alle Pflanzen litten gleichermaßen unter der Trockenheit. Einige Neophyten, also eingeführte Pflanzenarten aus anderen Ländern (meist sogar von anderen Kontinenten) sind an Hitze und Trockenheit besser angepasst als viele einheimische Arten und konnten daher vom Hitzesommer 2018 sogar profitieren.

Die kleinen Stillgewässer auf der Fläche sind normalerweise voller Leben, sie werden von Amphibien, Libellen und Vögeln genutzt und an ihren Rändern fanden sich noch 2017 bedrohte Pflanzenarten. In 2018 sind diese Gewässer aber zeitig ausgetrocknet und konnten sich nicht mehr füllen. Dort, wo noch wenige Monate zuvor Wasser gestanden hatte, wuchsen plötzlich Pflanzenarten trockener Standorte. Leider war auch der Winter 2018/2019 sehr trocken, erst spät im Frühjahr haben sich zumindest einige Tümpel wieder mit Wasser gefüllt. Für viele Tierarten kam dieses Wasser aber zu spät. Im Frühjahr 2019 haben kaum Amphibien am Monte Scherbelino gelaicht.

Am Nordpark Bonames zeigte sich ein anderes Bild. Der Altarm führte ganzjährig Wasser. Da dieses aber niedriger stand als sonst konnten sich einige Wasserpflanzen besonders üppig entwickeln, vor allem der Igelkolben bildete dichte Bestände. Die waldartigen Gehölzbereiche wirkten größtenteils sehr vital, viele Bäume hatten vermutlich mit ihren tiefen Wurzeln Zugang zu ausreichender Wasserversorgung.

Die Wiesen im Gebiet und der sonst so blütenreichen Streifen entlang der Homburger Landstraße kümmerten dagegen stark. Nach der Mahd wuchs kaum noch etwas nach und die Wiesen sahen bald eher gelb als grün aus.

Aufgrund der Brandgefahr musste schließlich im Laufe des Sommers sogar das Grillen auf dem Grillplatz verboten werden. Richtig gefährlich wurde es jedoch durch die Fahrlässigkeit einzelner, die außerhalb des dafür vorgesehenen Bereiches Feuer entzündet hatten. Diese wilden Lagerfeuer und Grillstellen werden oft viel zu dicht an den Gehölzen entzündet, im letzten Jahr wurde ein solches Feuer sogar im Schatten eines Baumes entfacht. Der Baum zeigte daraufhin deutliche Hitzeschäden, aber glücklicherweise wurde er nicht in Brand gesetzt und die Situation verlief glimpflich.

 

Hannover

In Hannover war die Entwicklung der Vegetation im heißen Sommer 2018 stark gehemmt. Einige Pflanzen blühten zu früh, andere vertrockneten, bevor es überhaupt zur Blüte kam. So gab es auch Auswirkungen auf den „Speiseplan“ von Tagfaltern und Wildbienen, denn für sie stand nur ein geringes Blütenangebot zur Verfügung. Aber nicht alle sind „Verlierer“ des Hitzesommers 2018 – Arten, die Trockenheit und Wärme lieben (xerotherme Arten), konnten sogar profitieren:

Bei den Tagfaltern gab es im vergangenen Jahr zum Beispiel besonders viele Weißlinge. Sie sind wenig wählerisch und konnten auf die (im Gegensatz zu den Blütenpflanzen auf unseren Wildnisflächen) gewässerten Gartenpflanzen ausweichen. Auch die beliebten „Musikanten des Sommers“ hatten wenig Probleme mit der Hitze: Viele Heuschreckenarten waren bereits sehr früh im Jahr aktiv. Besonders wärmeliebende Arten wie die Westliche Beißschrecke und der Verkannte Grashüpfer fanden die Temperaturen klasse und fühlten sich sehr wohl in der überhitzten Stadtwildnis. „Verlierer“ des heißen Sommers dagegen waren unter den Tagfaltern beispielsweise das Große Ochsenauge und der Schornsteinfeger: Diese Arten wurden möglicherweise durch zu heiße, trockene Bedingungen noch im Larvenstadium geschädigt. Und auch manche Heuschreckenarten mögen´s dann doch nicht ganz so heiß: So legt die feuchtigkeitsliebende Sumpfschrecke ihre Eier in den Boden, damit sie vor Austrocknung geschützt sind – eine Taktik, die im vergangenen Jahr nicht zielführend war. So wurden in 2018 nur sehr wenige Vertreter dieser Art in Hannover gezählt.

 

Dessau

In Dessau hat der heiße Sommer wohl die höchsten Temperaturen auf unsere Flächen gebracht: Auf Teilen der Wildnisfläche „Rodebille“ hat es gebrannt. Auswirkungen hat der Brand auf den ersten Blick vor allem auf krautige Arten, wie Landreitgras und Kanadische Goldrute. Die Gehölze (vor allem Robinien und Garten-Brombeeren) haben ein so großes Regenerationspotenzial, dass ihnen das Feuer nicht dauerhaft schaden kann, sodass hier mit einem starken Wiederaustrieb in diesem Jahr gerechnet wird.

Auf den anderen Flächen haben sich trockenheitsliebende Arten weiter ausgebreitet, darunter zum Beispiel die Sand-Strohblume. Heuschrecken-Abundanzen (also die Anzahl der Individuen einer Art auf einer Fläche) waren im trocken-heißen Sommer 2018 deutlich höher als im relativ verregneten 2017, auch Grabwespen wie die Heuschrecken-Sandwespe haben von der Witterung profitiert.

Auch hier hat die Anzahl der Wildbienenzahlen leicht abgenommen: Durch den trockenen Sommer haben viele wichtige Nahrungspflanzen nur kurz geblüht, was besonders für Arten, die sich nur von einer Nektarpflanze ernähren (oligolektische Arten) und sowieso schon auf der Roten Liste stehen, negative Auswirkungen hatte.

Generell zeigt sich, dass unsere Wildnisflächen durch ihren Strukturreichtum das wenige Wasser im vergangenen Sommer immerhin häufig besser speichern konnten, als stärker gepflegte Flächen. Auch die Möglichkeit zur freieren "Entfaltung" der Natur auf unseren Flächen bringt Vorteile bei sehr ausgeprägter Trockenheit: So kann immer der pflanzliche (oder tierische) Bewohner "einziehen", der für die gegebenen Bedingungen am besten gerüstet ist. Dennoch bleibt zu hoffen, dass der Sommer 2019 etwas mehr Regen bringt, damit sich die Pflanzen- und Tierwelt unserer Wildnis-Flächen wieder erholen kann.


Tatort Stadtwildnis: Ein maskierter „Problembär“ verübt Überfälle

18. April 2019, admin - Frankfurt

Bei der Erfassung von pflanzlichem und tierischem Leben in Deutschland werden die Tiere und Pflanzen, die erst nach 1492 zu uns gekommen sind, gemeinsam als Neobiota bezeichnet (tierische „Neubewohner“ heißen Neozoen, die pflanzlichen Einwanderer Neophyten). Über einige Neophyten, wie zum Beispiel die Beifuß-Ambrosie und den Riesen-Bärenklau, hört man häufiger in der Presse, da sie gesundheitliche Auswirkungen haben können. Die meisten neueingewanderten Arten allerdings sind für den Menschen völlig harmlos – viele wurden ursprünglich sogar bewusst eingeführt, etwa als Pelztiere oder Zierpflanzen. Wenn Organismen über weite Strecken vom Menschen in ein neues Ökosystem verbracht werden, können sie dort aber auch für Schäden sorgen. Das wird dadurch begünstigt, dass manche Arten vor Ort noch keine Fressfeinde oder Pathogene (Krankheitserreger) haben. So ergeben sich Konkurrenzvorteile und diese Arten können sich stark vermehren und andere verdrängen. Andere Arten wiederum bringen Pathogene mit, die für einheimische Arten, die darauf nicht vorbereitet sind, gefährlich werden können.

Auf den Wildnis-Flächen trifft man vor allem Neophyten, also pflanzliche Neueinwanderer. Darunter tritt die Armenische Brombeere besonders stark in Erscheinung. Sie kann brachliegende Flächen mit dichten Gebüschen überziehen und so die natürliche Entwicklung der Vegetation beeinträchtigen. Ein anderes Beispiel ist das Kurzfrüchtige Weidenröschen, das in der Frankfurter Stadtwildnis vorkommt. Die Art kann sich auf offenen Brachflächen in kurzer Zeit massenhaft vermehren und die Flächen damit als Lebensraum für verschiedene Tierarten (wie zum Beispiel den Flussregenpfeifer) unbrauchbar machen.

Vor allem auf den Wildnis-Flächen mit Gewässern kann man verschiedene Neozoen antreffen, darunter die Nilgans und die Kanadagans. Im Nordpark Bonames lässt sich in den Abendstunden sogar der Mink (Amerikanischer Nerz) hin und wieder blicken. Wie der Waschbär stammt der Mink aus Nordamerika und wurde ehemals in Pelztierfarmen in Europa gezüchtet. Die schlauen Waschbären bekommt man nur selten zu Gesicht, jedoch hinterlassen sie deutliche Spuren. Neben Fußabdrücken und Kot sind vor allem im Frühjahr zahlreiche Überreste der nächtlichen Mahlzeiten zu finden, denn die Kleinbären lassen sich insbesondere in dieser Jahreszeit die ohnehin seltenen Amphibien gerne schmecken.
Damit sind die niedlichen Kleinbären mit der schwarzen Maske auf unseren Flächen leider zu echten „Problem-Bären“ geworden. Wird Stadtwildnis gefördert, sind Neobiota ein Teil der sich entwickelnden Natur. Den Umgang damit gehört zu den spannenden Herausforderungen in einem Projekt wie „Städte wagen Wildnis“!



Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.