Wildnisbewohner des Monats April: Ein verkannter Generalist

23. März 2020, admin - Frankfurt

Ein Gastbeitrag von wildnisbotin.de

Bei uns in Deutschland leben zehn Spechtarten: Buntspecht, Grünspecht, Schwarzspecht, Mittelspecht, Kleinspecht, Grauspecht, Weißrückenspecht, Blutspecht, Dreizehenspecht, Wendehals. 

Der häufigste unserer Spechte ist der Buntspecht. Ein amselgroßer farbenfroher, schwarz-weiß-roter Trommler. Sein Bestand in Deutschland wird auf 600.000 - 800.000 Brutpaare geschätzt. Damit zählt er zu den ungefährdeten Vogelarten, europaweit mit ansteigender Tendenz.

Buntspechte sind deshalb so weit verbreitet, weil sie in ihren Ansprüchen an Lebensraum und Nahrung flexibel und wenig spezialisiert sind. Abgesehen vom notwendigen Bestand an Bäumen (insbesondere Totholz) zur Nahrungssuche und zum Höhlenbau toleriert der Buntspecht viele verschiedene Lebensräume - vom innerstädtischen Hinterhofgarten bis zum Urwald im Nationalpark. Wie so oft im Leben werden diese vermeintlich alltäglichen Erscheinungen dann nicht mehr so genau betrachtet. Das möchten wir beim Buntspecht nun ändern, denn er hat so einiges zu bieten: Sozialen Wohnungsbau, perfide Jagdtricks, Spechtschmiede, eingebaute Atemschutzmaske, Vielmännerei, um nur mal einige Stichworte zu nennen. Nun aber ganz systematisch der Reihe nach.

Das für uns auffälligste Merkmal des Buntspechts ist das Trommeln. Beide Geschlechter trommeln (Männchen etwas schneller als Weibchen). Warum machen sie das eigentlich? Hauptsächlich zum Höhlenbau, zur Kommunikation, zum Abstecken des Reviers und zum Anlocken von Partnern. 

Spechte sind mit ihrem kräftigen Meißelschnabel sehr begabte Zimmerleute. Sie stellen aber auch hohe Anforderungen an die Qualität ihrer Wohnhöhle. Darum werden oft viel mehr Höhlen gebaut als benötigt, bis man sich dann für die eine passende Luxusimmobilie entscheidet. Auch die, nach circa zweiwöchiger Bauzeit, bezogene Höhle wird gerne noch erweitert und umgebaut - insbesondere, wenn der Platz für die Nachkommen doch zu eng wird. Ein Nest, im eigentlichen Sinne, wird nicht gebaut. Holzspäne bleiben auf dem Boden liegen, als weiche, saugfähige Unterlage für die Jungen. Das morsche Holz wirkt wärmedämmend wie Styropor. Während der Bauphase profitieren die Spechte auch von einem interessanten Atemschutzmechanismus: Damit der beim Hämmern entstehende Holzstaub die Atemöffnungen nicht verstopft, sind die Nasenlöcher mit speziellen kleinen Federn bewachsen - eine natürliche eingebaute Atemschutzmaske sozusagen. Spechthöhlen werden übrigens nicht nur für die Jungenaufzucht, sondern ganzjährig als Schlafstätten genutzt. Auch während der Familienphase nutzt das Weibchen eine andere Höhle zum Schlafen und überlässt dem Männchen die nächtliche Betreuung der Bruthöhle.

Von der großen Spechtleidenschaft zum Höhlenbauen profitieren auch andere Waldbewohner: Durch die vielen überzähligen Höhlen des Buntspechts und seiner Verwandten finden auch Meise, Sperlingskauz, Hohltaube, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Fledermaus, Wildbienen und andere ein passendes Zuhause.

 

Wenn im April, nach 14tägiger Brutzeit, die 4-6 Jungvögel schlüpfen, beginnt für die Spechteltern eine aufreibende Zeit. Keine andere Vogelgruppe bringt so wenig entwickelte Junge hervor wie die Spechte. Beide Eltern müssen eine sehr intensive Brutfürsorge betreiben. Die jungen Spechte nutzen zusätzlich gemeinsam eine "Wärmepyramide" genannte Technik: Sie hocken zusammengekauert am Höhlenboden und ein Spechtküken legt seinen Kopf auf das andere.

 

In Sachen Nahrungsbeschaffung für sich und seinen Nachwuchs ist der Buntspecht ein wirkliches Multitalent. Er ernährt sich in Frühjahr und Sommer überwiegend von Larven, Würmern, Jungvögeln, Insekten, Raupen, Ameisen und Käfern. Im Herbst und Winter stehen dann zunehmend Sämereien, Nüsse und Beeren auf der Speisekarte. Im Frühjahr nutzt er zusätzlich Baumsaft als pflanzliche Nahrungsergänzung. Der findige Vogel schlägt eng nebeneinander liegende Löcher in einer waagrechten Linie in die Baumrinde (Ringelbäume). Den hervortretenden Saft leckt er auf und gleichzeitig auch die vom süßen Saft angelockten Insekten. Auch andere Vögel, Eichhörnchen und manchmal sogar Hirsche schließen sich dem Trinkgelage gerne an. Zu den sehr perfiden Jagdtricks in seinem Repertoire gehört eine Methode, mit der er kleine Jungvögel (zum Beispiel Meisen) erbeutet. Da er zumeist nicht in die Bruthöhlen der kleineren Vögel gelangen kann, wird er zum Angler. Ein Wurm wird verführerisch vor das Einflugloch des Objekts der Begierde gehalten. Wenn der Jungvogel danach schnappt, schnappt der Buntspecht sich den Jungvogel - so raffiniert kann der Buntspecht sein. Seine handwerklichen Fähigkeiten kommen dem schlauen Vogel auch bei der Nahrungssuche zugute. Insbesondere im Winterhalbjahr greift er, mangels Insekten und Würmern, gerne auf Nüsse und Zapfen zurück. Um an die innenliegenden Samen zu gelangen nutzt er sogenannte "Spechtschmieden". Dabei legt sich der Buntspecht eine maßgeschneiderte Werkstatt an, indem er natürlich vorhandene Spalten und Gabelungen so bearbeitet, dass das Zielobjekt dort passgenau sitzt - wie in einer fein justierten Schraubzwinge. Außer dem Buntspecht können das nur wenige Vögel. Die Vorgehensweise kann man schon fast als Werkzeugeinsatz betrachten, und sie zeugt von der großen Findigkeit des Schmiedemeisters. Für die Umsetzung solcher speziellen Handwerkskünste benötigt der Vogel, außer einem schlauen Köpfchen, auch spezielle körperliche Fähigkeiten. Hilfreich sind für ihn sein starker Stützschwanz (fast ein dritter Fuß) und die Kletterfüße mit Wendezehen, die jeweils nach oben oder unten gedreht werden können. 

 

Um nun allen diesen Besonderheiten noch einen besonderen Glanzpunkt hinzuzufügen: Buntspechtdamen frönen der Vielmännerei! Etwa 20 Prozent der Weibchen legen sich eine Zweitfamilie zu. Dies funktioniert deshalb so gut, weil Buntspechtmännchen hingebungsvolle Familienväter sind, die sowieso einen Großteil des Brutgeschäfts und der Jungenaufzucht übernehmen. Wenn Frau Buntspecht also Lust auf eine Affäre verspürt, dann sucht sie sich einfach ein jüngeres, unerfahrenes Männchen. Sie beteiligt sich am Brutgeschäft und der Pflege beider Gelege. Später überlässt sie die Aufzucht der Zweitbrut dem Männchen.

 

Buntspechte bieten uns durch ihr häufiges Vorkommen oft Gelegenheiten zur Beobachtung. Wir sollten das nutzen. Es gibt viel zu entdecken!


Aufgepasst: Eure Meinung zählt! Einblick in die sozialwissenschaftliche Forschung

12. März 2020, admin - Hannover

Die sozialwissenschaftliche Begleitforschung in unserem Projekt hat zur Aufgabe, über die Laufzeit von fünf Jahren die Nutzungen der Projektflächen sowie die Wahrnehmung und Akzeptanz von städtischer Wildnis in den drei Projektstädten Dessau-Roßlau, Frankfurt am Main und Hannover zu untersuchen. Mal ganz sozialwissenschaftlich ausgedrückt: Sie wird im Verlauf des Projekts mit wiederholter Datenerhebung in verschiedenen Jahren als Längsschnittstudie durchgeführt.

Dabei hat die Begleitforschung für unser Projekt drei zentrale Funktionen: Zunächst die Erkenntnisfunktion, die erfragt: Wie ist der jeweilige Stand der Dinge im Prozessverlauf?
Die Kontrollfunktion wiederum testet, wie hoch der Grad der Zielerreichung ist: Was verläuft erfolgreich, was nicht? Schließlich gibt es noch die Optimierungsfunktion - hierbei dreht sich alles um die Frage "Was kann wie verbessert werden?".

Die Zielgruppen der Untersuchungen sind sowohl die Nutzerinnen und Nutzer als auch die Anwohnerinnen und Anwohner der Projektflächen. Auch in diesem Jahr werden in den Monaten von April bis Juli Befragungen auf den Projektflächen als Face-to-face-Interviews durchgeführt und die Nachbarschaft der Stadtwildnis durch Fragebögen zum Selbstausfüllen einbezogen.

Von den Ergebnissen profitieren letztendlich alle: Die städtischen Partner können daraus gegebenenfalls neue Maßnahmen ableiten, die wiederum Menschen vor Ort zugutekommen und somit einen zukünftigen Einklang zwischen städtischer Wildnis und sozialer Nutzung sicherstellen.


Wildnisbewohner des Monats: Drei haarige Minis mit großem Appetit

11. März 2020, admin - Hannover

In Hannovers Stadtteil Badenstedt sind Wuschel, Flocke und Lenni schon länger kleine wilde Stars. Die drei Ouessantschafe gehören zur kleinsten Schafrasse Europas. Selbst viele der Nachbarshunde sind größer als die Minischafe!

Die drei Böcke grasen sich seit Jahren munter durch unsere Stadtwildnis und arbeiten dabei als "natürliche Rasenmäher". Ursprünglich sollten sie nur auf der 2018 neu angelegten Streuobstwiese das Gras kurzhalten. Doch der Appetit der bretonischen Zwergschafe ist riesig und so unternehmen sie regelmäßig Ausflüge in das frische Gras auf den umliegenden Projektflächen. Eine Win-win-Situation für alle Seiten! Denn auf den salzhaltigen Wiesen in der Gegend wachsen seltene Halophyten. Das sind salzliebende Pflanzen, die sonst nur in Küstennähe zu finden sind. Und da die Halophyten es gerne sonnig mögen, muss auf den Wiesen ohnehin regelmäßig gemäht werden.

Wuschel, Flocke und Lenni mähen aber viel umweltfreundlicher als jeder Rasenmäher. Sie verbrauchen kein Benzin und durch ihr Federgewicht verdichten sie den Boden nicht wie große Maschinen es besonders bei Regen tun. Und da sie immer nur kleinere Flächen abgrasen, bleiben noch genügend Gräser stehen, die von Schmetterlingen und anderen Insekten als Nahrung, Versteck und zur Eiablage genutzt werden.

Allerdings haben die drei Mini-Schafe noch einen Nebenjob: Mindestens einmal im Monat gehen sie gemeinsam mit Kindern aus der Umgebung auf Entdeckungstour in der Badenstedter Stadtwildnis. Als „Wildnisdetektive“ erkundet die Gruppe gemeinsam die Flora und Fauna vor Ort. 

Zweimal im Jahr wird sogar gemeinsam ein großes Wildnisfest für und mit Flocke, Wuschel und Lenni auf der Streuobstwiese gefeiert - wenn das mal nicht ganz besondere Wildnisbewohner sind! 



Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.