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Ein Hortus-Garten für die Wildnis! Gastbeitrag von WildnisLotsin Julia Auer

13. November 2019, admin - Frankfurt

Julia Auer ist in Frankfurt als "WildnisLotsin" für unser Projekt tätig. Auf den Flächen und auf Veranstaltungen klärt sie über Stadtwildnis auf. Privat gestaltet sie einen eigenen Nussgarten so wild wie möglich - nach dem "Hortus-Konzept". In diesem Gastbeitrag erzählt sie uns mehr darüber.

Wildnis entstehen lassen ist gut - wild gestalten aber auch!

Es gibt viele Diskussionen, was denn jetzt wirklich „wild“ ist.
Wenn wir eine Fläche nicht mehr pflegen, was passiert? Zieht dort dann Wildnis ein? Das kommt ganz darauf an, wie man Wildnis definiert, denn wir Menschen haben unsere Umgebung schon seit vielen Jahrhunderten zu unseren Gunsten gestaltet und beeinflusst, sodass unsere Kulturlandschaften sich auch auf die „wilde Entwicklung“ der Natur auswirken.
Flächen, die nicht mehr gepflegt werden, werden aufgrund dieser Entwicklung gerne etwa von der armenischen Brombeere beschlagnahmt, die als invasiver Neophyt  andere Pflanzen verdrängt.

Ein Hortus-Garten für die Wildnis

Als ich Ende 2018 ein neues kleineres Pachtgrundstück für unseren Naturgarten dazu bekam, war genau dies der Fall. Ich musste auf dem relativ kleinen Areal seither über 350 Brombeeren ausgraben, denn abschneiden hilft da gar nicht.

Seit über acht Jahren betreiben meine Familie und ich den „Nussgarten“, am Frankfurter Berg.
Letztes Jahr erfuhr ich zum ersten Mal von einem neuen Gartenkonzept, dem Hortus-Gärtnern, nach Markus Gastl. Ich war sofort überzeugt, ja quasi vom „Hortusvirus“ infiziert.
Nach dem Motto „Machen ist wie wollen, nur krasser!“ wurde der Nussgarten sehr bald zum „Hortus Nucis“ umbenannt.

Ein Hortus besteht aus den drei Zonen, Puffer-, Ertrags-, und Hotspotzone, die klare Strukturen im Garten geben. Es wird großer Wert darauf gelegt, naturbelassene, einheimische Gewächse zu pflanzen und durch Einbringen von Naturmodulen der lokalen Wildnis eine Heimat im Garten zu schaffen. Ein Totholzhaufen bietet zum Beispiel Unterschlupf und Brutplätze für viele heimische Tiere. 


Das Hortuskonzept: Schönheit, Vielfalt, Nutzen

Die Pufferzone bietet Schutz gegen äußere Einflüsse.
Viele unserer Ziersträucher werden heutzutage mit gefüllten Blüten, ohne Nektar und somit ohne Früchte gezüchtet, damit sie nicht so viel „Dreck“ machen.  In unseren Gärten finden wir oft Pflanzen, die Spezialerde und Spezialdünger brauchen, wie Hortensien, Pfingstrosen und Rhododendren. Blickdichte, formbare Hecken wie  Kirschlorbeer, Thuja und Glanzmispel werden vom Gärtner empfohlen. Diese Pflanzen sind für unsere wilden Mitbewohner eher wertlos und werden durch einheimische Büsche wie Kornellkirsche, Liguster, Weißdorn, Faulbaum, und Holunder ersetzt. Diese blühen zu verschiedenen Zeiten und bieten Nahrung für  Insekten, Vögel und Kleinsäuger. 
In der Ertragszone kann man sein eigenes Essen anbauen. Je nach persönlichem Geschmack und Arbeitsaufwand ist diese Zone frei zu gestalten.


In der Hotspotzone wird es wieder speziell. Hier legen wir eine magere Wildblumenwiese oder Magerbeete an. Auf mageren Flächen gibt es eine höhere Artenvielfalt an Pflanzen.


Ein Anblick, der uns seit Jahren immer weniger vor Augen kommt, ist eine richtige Wildblumenwiese. Warum? Weil sie immer seltener werden.
Früher gab es noch vermehrt Weidetiere und ein Bauer hatte eine Heuwiese für seine Kühe angelegt. Sie wurde zweimal im Jahr gemäht, das Schnittgut aufgesammelt und an die Tiere verfüttert.
So entstand eine Magerwiese.
Heute stehen diese Tiere im Stall, werden mit Kraftfutter ernährt und die Magerwiesen verwandeln sich in weitere Ackerflächen oder Fettwiesen, wo meist nur noch Löwenzahn wächst.

In unserem Hortusgarten wird die Wildblumenwiese nur stückweise gesenst, damit immer etwas für die Insekten da ist. Das Schnittgut wird dann, nachdem es sich aussamen durfte, von dort in die Ertragszone gebracht und zu Mulchwürsten gerollt. Dadurch bleibt die Wiese mager und gleichzeitig werden die Beete im Gemüsegarten vor dem Austrocknen bewahrt, Un-/Beikraut wird unterdrückt und das Bodenleben mit wertvollem Humus versorgt (Nährstofftransfer).
So entsteht ein geschlossenes System, das nicht viel von außen braucht.
In der Hotspotzone kann man noch weitere Naturmodule wie Stein- und Sandhaufen errichten, die etwa für Eidechsen sehr wichtig sind.


Den Insekten helfen

Wenn wir Bienen retten wollen, denken wir oft zuerst an die Honigbiene. Die ist aber gar nicht so gefährdet, sondern eher eine hochgezüchtete Art aus der Massentierhaltung, die auch nur zu einem Teil der Bestäubung unserer Pflanzen beiträgt. Gerne stellen wir dann eine Wildbienennisthilfe auf, die man jetzt sogar beim Discounter finden kann, aber wir müssen noch ein bisschen weiter denken: In Deutschland sind ungefähr 560 Wildbienenarten beheimatet und über die Hälfte ist bedroht oder schon ausgestorben, nur circa 30 davon nehmen unsere Nisthilfen an (Quelle:BUND). Viele sind Bodenbrüter und auf spezielle Pflanzen optimiert. So gibt es die Zaunrübensandbiene, die Efeuseidenbiene, dazu noch verschiedene Blattschneider- und Wollbienen, es gibt sogar Kuckucksbienen, die ihre Eier in fremde Nester legen. Sie alle benötigen vor allem Artenvielfalt bei Pflanzen. So kann die Blattschneiderbiene nur bestimmte Blätter bearbeiten, die Wollbiene braucht behaarte Pflanzen wie etwa Wollziest.


Das Hortusnetzwerk wurde im Sommer 2019 von der UN-Dekade für Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Diese Art von Gärtnern kann schon auf kleinster Fläche etwas zur Unterstützung der heimischen Wildnis beitragen.
Der Hortus Nucis in Frankfurt ist ein Garten im Wandel. Er soll zukünftig mit regelmäßigen Führungen die Besucher anregen, die Wildnis um uns herum, sei es im eigenen Garten oder auf dem Balkon, zu unterstützen.
Es ist gar nicht so schwer und wird sehr dankbar angenommen.

Hier könnt ihr mehr über den Garten erfahren:

https://www.facebook.com/Nussgarten/

https://www.instagram.com/hortusnucis/



Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.