WildnisLotsen stellen sich vor: Interview mit Iris Rosebrock

Avatar of admin admin - 11. September 2019 - Frankfurt

 

Was genau macht man eigentlich als „WildnisLotse“?

Ein WildnisLotse ist quasi der „Vermittler“ zwischen dem Städter und der Wildnis. Unsere Aufgabe ist es, den Städter über das Projekt „Städte Wagen Wildnis“ aufzuklären. Wir treten in einen Dialog mit dem Stadtbewohner, um ihn auf die Bedeutung von urbaner, also stadtnaher Wildnis aufmerksam zu machen. Damit erleichtern wir ihm auch den Zugang zu einem ihm möglicherweise ganz neuen Naturerleben.  
Viele Städter kennen das Projekt „Städte Wagen Wildnis“ ja noch gar nicht. Durch die Aufklärungsarbeit der WildnisLotsen erhalten sie einen Einblick in das bundesweite Projekt in den drei Städten. Hier in Frankfurt liegt der Schwerpunkt unserer Aufklärung natürlich verstärkt auf den beiden Projektflächen Monte Scherbelino und Nordpark. Wir WildnisLotsen weisen auch auf Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Projekt hin. An Informationsständen auf Veranstaltungen, Führungen mit verschiedenen Schwerpunkten sowie jeweilig der Jahreszeit angepassten Aktionen für Familien im Nordpark treten wir in einen Dialog mit der städtischen Bevölkerung mit dem Ziel, die „Wildnis“ dem Städter erlebbar zu machen. Wir möchten erreichen, dass die Menschen ein Bewusstsein bekommen für die einzigartige Schönheit und zentrale Bedeutung von Wildnis im stadtnahen Raum und wie man sie selbst für sich erfahren kann.     

Was hat dich dazu animiert, in Frankfurt als WildnisLotse tätig zu werden?

Schon immer sehr naturbegeistert wollte ich zum damaligen Zeitpunkt im Naturschutz aktiv werden und suchte nach geeigneten Anknüpfungspunkten. Auf einer Konferenz für Biodiversität 2016 in Frankfurt fiel mir der Informationsstand von „Städte Wagen Wildnis“ ins Auge. Vielmehr war es der Projektname „Städte Wagen Wildnis“, der mich völlig fesselte sowie das auffällige Banner mit der Eidechse. Wildnis zu wagen innerhalb einer Großstadt wie Frankfurt begeisterte mich sofort. Zu dem damaligen Zeitpunkt befand sich das Projekt noch in den Startlöchern. Es gab weder Webseite noch Flyer. Ich trug mich vor Ort in eine Liste ein, um fortlaufend Informationen über die Entwicklung des Projekts zu erhalten. Dann wurde irgendwann die Fortbildung zum Wildnislotsen angeboten – natürlich war ich sofort dabei. 


Was ist eine der schönsten Erfahrungen aus deinem bisherigen WildnisLotsen-Dasein?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Es gibt immer wieder sehr schöne und einzigartige Erfahrungen, die ich als WildnisLotsin erlebe.
Vielleicht eine für mich sehr prägende und aufregende Erfahrung war, als ich meine erste eigene Führung im Nordpark gemacht habe.
Eine ebenso vogelbegeisterte WildnisLotsin und ich hatten beschlossen, am Frankfurter Vogeltag eine Vogelführung anzubieten.
Wir waren beide sehr aufgeregt, da wir absolute Neulinge in Sachen Führung waren. Noch unmittelbar vor Beginn der Führung übten wir miteinander abseits der gut besuchten Veranstaltung am Alten Flugplatz.
Dann kam der große Moment und zu unserer Überraschung hatten wir mehr als zwanzig interessierte Besucher, die uns in den Nordpark folgten.
Die Führung wurde ein voller Erfolg, wir hatten sehr viel Spaß und die Menschen waren allesamt hochbegeistert. Durch die „bestandene“ Führung bestätigt kehrten wir überglücklich zum Alten Flugplatz zurück.     


Worin liegen die größten Herausforderungen/Schwierigkeiten in der Tätigkeit?

Die Menschen wirklich zu erreichen und in einen konstruktiven Dialog zu treten ist nicht immer ganz einfach. Ich denke, gerade zu Beginn der Tätigkeit als WildnisLotse ist man noch nicht sicher, wie man die Menschen am besten anspricht. Welche Mittel stoßen auf geeignetes Interesse? Wie erreicht man am besten die Menschen, um sie auf das Projekt aufmerksam zu machen? So haben Familien mit Kindern andere Bedürfnisse als heranwachsende Jugendliche oder auch interessierte Erwachsene. Entsprechend den unterschiedlichen Anforderungen müssen verschiedene Interessensgebiete angeboten werden, sowohl bei den Veranstaltungen, Führungen, Exkursionen als auch bei den Workshops. Das erleichtert uns WildnisLotsen natürlich auch den Zugang zu den verschiedenen Interessensgruppen. Aber genauso ist es umgekehrt: Dem Städter vereinfachen wir so den Zugang zur „Wildnis“.         

Ihr stellt das Projekt häufig auf Veranstaltungen vor, sprecht aber auch Menschen direkt auf den Flächen an. Hast du den Eindruck, dass die Menschen je nach Situation anders auf euch reagieren und, wenn ja, in welcher Weise?

Es gibt meines Erachtens schon einen spürbaren Unterschied. Auf den Veranstaltungen erklären wir das Projekt und benutzen Flyer und Aufsteller, um die Projektflächen zu veranschaulichen. Wir WildnisLotsen müssen die Projektflächen durch eigene Begeisterung und Erfahrung dem Interessierten vermitteln. Über unsere Beschreibungen in Worten muss quasi der Funke auf den Menschen überspringen, um sein Interesse zu wecken.
Vor Ort auf den Flächen kann ich als WildnisLotsin natürlich direkt auf Besonderheiten und aktuelle Gegebenheiten eingehen. Der Dialog ist damit wesentlich konkreter auf die jeweilige Projektfläche bezogen. Ein wertvolles Instrument sind da unsere der Jahreszeit angepassten Aktionen und Führungen auf den beiden Projektflächen im Nordpark Bonames und am „Monte Scherbelino“. Direkt vor Ort auf der Projektfläche kann ich offener auf die Besucher zugehen und es entwickelt sich häufig ein gewinnbringender Austausch.  


Welche Frage wird euch mit am häufigsten gestellt?

Wo ist eigentlich der Nordpark?

Ihr seid Ansprechpartner für alle Menschen, die die Flächen oder Veranstaltungen besuchen. Das heißt, ihr trefft auf ältere und jüngere, mal mehr und mal weniger „wilde“ Personen. Gibt es bestimmte „Typen“ von Menschen, die sich ganz besonders (wenig) für unser Projekt begeistern lassen?

Hier in Frankfurt erlebe ich fast durchgängig ein großes und positives Interesse für das Projekt. Sowohl die ältere Generation als auch Familien oder junge Menschen zeigen sich meist sehr wohlwollend und interessiert.
Natürlich gibt es bei den Veranstaltungen, wo wir einen Stand haben, fast schon im Vorhinein eine gewisse „Auslese“. Diese Veranstaltungen werden ja durchschnittlich von bestimmten Menschen besucht. Wünschenswert wäre für mich, auch an Menschen herantreten zu können, die man so nicht unbedingt trifft wie z.B. Menschen mit Migrationshintergrund. Das betrifft auch die Projektflächen. Zu den Aktionen und Führungen kommen entsprechend ja Menschen, die sowieso interessiert sind. Wichtig finde ich, dass man auch den Teil der Bevölkerung mit der Botschaft des Projekts erreicht, der sich woanders bewegt und den es gilt mit „ins Boot zu holen“.   

In Frankfurt wurde eine der Projektflächen, der Nordpark Bonames, kürzlich nach zwei Jahren Projektlaufzeit offiziell eingeweiht. Dort weisen jetzt Schilder auf das Projekt hin und Spaziergänger werden somit direkt darauf aufmerksam gemacht, dass die Flächen hier „etwas Besonderes“ sind. Glaubst du, eure Arbeit auf den Flächen wird sich dadurch verändern, beziehungsweise konntest du bei deinen letzten Einsätzen vielleicht schon eine Veränderung feststellen?

Im Nordpark habe ich eigentlich sofort eine Veränderung gespürt. Die neu installierten Stelen werden von den Besuchern wahrgenommen und gelesen. Ich habe beobachtet, dass die Spaziergänger bewusster und offener für die Besonderheit des Ortes geworden sind. Wir Wildnislotsen werden auch oft gefragt, warum im Nordpark die Rubinienstämme an verschiedenen markanten Stellen platziert wurden. Es findet insgesamt also eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema „Wildnis“ statt, was auch uns WildnisLotsen sicherlich spürbar zugutekommen wird.    


Möchtest du noch eine besondere Anekdote aus deiner Arbeit mit uns teilen?

An dem Tag, als wir die Aktion „Wilder Sommer“ im Nordpark durchgeführt hatten, war es sehr heiß. Auf dem Grillgelände war das Grillen wegen der Brandgefahr bereits seit Tagen verboten. Eine Wildnislotsin aus unserem Team wies eine kleine Flüchtlingsfamilie mit ihrem Grill darauf hin, dass das Grillen ausdrücklich verboten sei. Sie lud die Familie ein, doch stattdessen unseren Stand zu besuchen. Zu unserer Freude kam die Familie tatsächlich irgendwann zu uns. Nur der Großvater und sein kleiner Enkelsohn sprachen ein paar Brocken deutsch. Die Mutter breitete ihre Picknickdecke etwas abseits von uns aus. Mit einer Becherlupe, die ich ihrem Sohn gegeben hatte, begann die recht scheue Mutter unentwegt Insekten zu fangen für ihren Sohn.
Schließlich malte sie mit den von uns angebotenen Naturfarben ruhevoll und konzentriert eine rotblühende Blume auf ein Blatt Papier. Als die Familie ging, ließ sie ihr Bild am Stand liegen. Ich lief dem Jungen hinterher und drückte ihm das Bild für seine Mutter in die Hand. Diese Begegnung mit der Familie hat mich sehr gerührt.          

Was wünschst du dem Projekt für die Zukunft?

Ich wünsche mir für das Projekt, dass es über die noch verbleibende Projektzeit hinaus weiterläuft und weitere Projektflächen in und um Frankfurt herum dazukommen. Als Frankfurterin hoffe ich sehr, dass sich das Projekt in Frankfurt fest etabliert und die Projektflächen den Menschen irgendwann ganz vertraut und erlebbar geworden sind. Mein daraus resultierender inständiger Wunsch ist, dass bei der breiten Bevölkerung ein Umdenken stattfindet dahingehend, dass Wildnis etwas sehr Kostbares und Wichtiges ist für unserer aller Zukunft.               





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